Hier wird scharf geschossen, mit Worten, nicht mit Waffen!

©Hanser Literaturverlag

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„Kommt ein Pferd in die Bar“ aus der Feder des israelischen Schriftstellers David Grossmann versteht auf seine ganz eigene Weise zu faszinieren. David Grossmann ist eine der wichtigsten literarischen Stimmen Israels. Seine Romane drehen sich immer um die tief verwundete jüdische Seele, das Leben in Israel, das Schicksal eines ganzen Volkes. In seinem jüngst erschienenen Roman geht es um eine ganz bestimmte Seele, die des Stand-up-Comedian Dovele Grinstein.

Wir schreiben den 20. August, es ist der Tag von Doveles 57. Geburtstag. 240 Schekel haben die Zuschauer für eine Karte bezahlt, dafür erwarten sie etwas, wollen zum Lachen gebracht werden.

„Einen wun-der-ba-ren Guten Abend, Gu-uten A-abend Caesaree-aa, hier in diesem herrr-lichen Musentempel.“   (S. 7)

So tönt die Stimme Doveles aus dem Off. Doch was zunächst verspricht, ein netter, lustiger, kurzweiliger Abend zu werden soll sich zu etwas ganz anderem entwickeln. Denn erstens sind wir nicht in Caesarea sondern in der israelischen Küstenstadt Netanja und zweitens plant Dovele alles andere als eine normale Show. Er will Abrechnen, mit sich, seinem Leben und seinem ganz persönlichen Trauma, nur darum geht es ihm. Die Witze dienen nur dazu, sein Publikum bei der Stange zu halten.

Als Zeugen des Ganzen hat er sich Avischai Lasar eingeladen, der uns Lesern die ganze Geschichte erzählt, sozusagen des Lesers Auge und Ohr darstellt. Dovele kennt Avischai aus Jugendtagen, doch vor vielen Jahren haben sie sich bereits aus den Augen verloren. Nun bittet er Avischai, der mittlerweile pensionierter Richter ist, um sein ganz persönliches Urteil. Wie eine Gerichtsverhandlung nimmt sich denn das Ganze auch zunehmend aus, mit den Zuschauern als Geschworene.

 Grenzen beachtet Dovele während seiner Aufführung schon lange nicht mehr, weder moralische noch gesellschaftliche. Er tobt, wütet, schreit auf der Bühne. Er stellt Menschen im Publikum willkürlich geradezu bloß, lockert die Situation dann aber wieder durch einen Witz auf. Wie ein verrückter jagt er über die Bühne. Was zu Beginn funktioniert verfehlt aber zunehmend seine Wirkung. Bald sind seine Zuhörer genervt, verlieren mehr und mehr die Geduld mit ihrem Comedian, sie wollen zotige Witze, einen launigen Abend verbringen und nicht die Geschichte eines alternden, kranken Komödianten hören. Sie wollen lachen und nicht weinen. Und noch bevor der Vorhang fällt haben die meisten den Saal verlassen. Doch je mehr das Publikum flieht, möchte man als Leser bleiben.

„Wie hat er das geschafft, frage ich mich, wie hat er uns so schnell umgedreht, sein Publikum und in gewisser Weise auch mich? Wie hat er uns dazu gebracht, uns in seiner Seele zu Hause zu fühlen und uns zu seinen Geiseln gemacht?“ (S. 77)

Ja, und so wie Avischai sich dies fragt, fragt man sich das auch als Leser. Der angeschlagene Ton ist rau, stellenweise bitter und zynisch, Dovele am Ende seiner Kräfte, die Geschichte tieftraurig und doch will man sie unbedingt zu Ende hören. Ist zugleich gebannt und fühlt sich abgestoßen. Durch Dovele spricht ein Mensch zu uns, der in der Seele tief verletzt ist, der bis an seine Substanz geht bei seiner schmerzhaften Abrechnung. Vielleicht ist es die Bewunderung für den großen Mut, den eine solche Vorgehensweise erfordert, die fasziniert, vielleicht auch nur, die uns allen innewohnende Neugier.

Ob es Zufall ist, dass Doveles Initialen sich mit denen des Autors decken? Nun, man weiß es nicht. Fakt ist nur, in diesem Buch wird scharf geschossen nicht mit Waffen sondern mit Worten, dies verfehlt seine Wirkung nicht und so lauscht man Dovele gebannt bis zum Ende, bis der Vorhang fällt.

„Er beugt sich hinunter, als umarme er seine Geschichte wie ein Kind.“ (S. 203)

Am Ende ist man versöhnt mit Dovele, seiner Geschichte, dem Buch.

Der Autor:

David Grossman wurde 1954 in Jerusalem geboren und gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern der israelischen Gegenwartsliteratur. 2008 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis, 2010 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei Hanser erschienen zuletzt: Diesen Krieg kann keiner gewinnen (2003), Das Gedächtnis der Haut (2004), Die Kraft zur Korrektur (2008), Eine Frau flieht vor einer Nachricht (Roman, 2009), Die Umarmung (2012), Aus der Zeit fallen (2013) und Kommt ein Pferd in die Bar (Roman, 2016).

Buchdaten:

Titel: Kommt ein Pferd in die Bar

Autor: David Grossmann

Verlag: Hanser Literaturverlag

Erschienen: 01.02.2016

Format: Fester Einband, 256 Seiten

Bestellnummer / ISBN: 978-3-446-25050-5

Unverb. Preis: 19, 90 EUR

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