Messerückblick in Büchern

Die Messe liegt nun schon einige Wochen zurück, so langsam setzen sich die vielen Eindrücke, sind die mitgebrachten Bücher und neuen Entdeckungen gelesen, die neuen Seiten, Zeilen und wundervollen Sätze erobert. Zeit einen kleinen Rückblick zu wagen und was bietet sich da mehr an als dies in Büchern zu tun. Noch dazu liegt Weihnachten bereits vor der Türe und der ein oder andere ist auf der Suche nach Geschenken oder vielleicht dem nächsten Buch, das ihn/sie in die Weihnachtsferien begleiten darf. Denn Winterzeit ist ja zugleich auch immer Lesezeit.


Vintage von Grégoire Hervier

„Vintage“ ist die unglaublich spannende Geschichte über eine ganz besondere Gitarre. Die Rede ist von der GIBSON MODERN, die legendärste Gitarre in der Musikgeschichte, bis heute ist nicht bekannt, ob sie tatsächlich gebaut wurde, oder ob es bei der Idee blieb.
Was kann es aufregenderes für einen jungen Gitarristen und Musikjournalisten geben, als den Auftrag zu erhalten nach eben jener Legende zu suche? Noch dazu wenn bei Erfolg eine Million winkt! Sofort macht sich Thomas Dupré auf die Suche und stolpert dabei nicht nur über die faszinierende Geschichte der ein oder anderen Musiklegende, nein, er begegnet auch geradezu fanatischen Menschen, die für ihre Liebe zur Musik alles tun würden auch töten. Und so wird aus einer spannenden Suche nach der Lösung eines der größten Rätsels der Musikgeschichte auch ein packendes und stellenweise lebensgefährliches Roadmovie.

„Vintage“ ist spannender Krimi und faszinierende Reise mitten ins Herz der Blues-und-Rock-Musikgeschichte zugleich. Eine Liebeserklärung an die Musik im Allgemeinen und eine Gitarre im Besonderen. Der passende Begleiter für alle, die Musik lieben und deren Herz zugleich für spannende Krimis schlägt. Hier bekommt man beides.


Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer

Mehr zufällig stieß Klaus Cäsar Zehrer während er gerade googelte über eine Seite auf der es um „Die intelligentesten Menschen aller Zeiten“ ging, darunter auch der etwas in Vergessenheit geratene William James Sidis. Sidis war ein exzentrisches Wunderkind. Erzogen von frühester Kindheit an mit einer speziell von seinem Vater entwickelten Lernmethode. Mit achtzehn Monaten konnte er bereits lesen. Mit gerade einmal elf nahm er sein Studium an der Harvard-Universität auf. Als sogenannter Polyglott beherrschte er 40 Sprachen, darunter auch Vendergood, eine von ihm selbst erfundene Kunstsprache. Sein IQ wurde nie gemessen, Schätzungen zufolge dürfte er sich aber ca. im Bereich zwischen 250 und 300 beweget haben. Doch so richtig glücklich war Sidis, trotz seines herausragenden Intellektes, nie. Durfte er doch während seines gesamten Lebens nie richtig Kind sein. Mit „Das Genie“ hat Zehrer nun diesem talentierten Sonderling ein literarisches Denkmal gesetzt. Es ist die beinahe unglaubliche Lebensgeschichte eines faszinierend intelligenten und talentierten Geistes, aber auch die eines gebrochen und Zeit seines Lebens verkannten Menschen. Genau dieses Spannungsfeld macht diese Figur so interessant und Klaus Cäsar Zehrers Buch so lesenswert. Zehrer füllt gekonnt die Eckdaten von Sidis Biographie mit Leben und lässt so das längst verstorbene Genie vor unseren Augen als Mensch als Fleisch und Blut wieder auferstehen. Absolut spannend zu lesen und lehrreich!

 


Als der Teufel aus dem Badezimmer kam von Sophie Divery

Eine arbeitslose Schriftstellerin, die aus der Not eine Tugend macht und ohne Geld aber mit viel, viel Hunger ein Buch über ihre Situation schreibt. Dabei spielt sie mit Fiktion und Wirklichkeit, ihren Figuren, Typographie und Darstellung und schöpft sprachlich aus dem Vollen. Entstanden ist ein unglaubliches Buch für alle, die solch literarischen Spielerreihen lieben. Kreativ, witzig, etwas ganz, ganz Besonderes. Ein Buch, das zeigt, was mit Sprache möglich ist. Eine Hommage an das geschrieben Wort und die Kunst der Wortmalerei.

 


Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky

Dieses Buch hat vollkommen zurecht den Preis der unabhängigen Buchhändler des Jahres 2017 gewonnen. Dieses Buch ist so unglaublich klug geschrieben, so prall voll Lebensweisheit. Es gibt einem als Leser so unglaublich viel zurück. Bringt einem zum Lachen und zum Weinen und ist einfach nur wunderschön geschrieben. Ein Buch voller liebenswerter Figuren. Aber man wird vor allem eines, Okapis in Zukunft mit anderen Augen sehen. Alles beginnt nämlich damit, dass die alte Selma ein Okapi begegnet, im Traum. Und immer wenn Selma ein Okapi sieht, dann wissen die Dorfbewohner, dass jemand sterben muss. Und so sind sie auch froh, dass dies bisher nur einmal geschah. Doch nun ist es zum zweiten Mal geschehen und nun fragen sich natürlich alle in dem kleinen Westerwälder Dorf, wen es dieses Mal treffen wird. Und so treffen sie alle fürs sich dementsprechende Vorkehrungen, was natürlich zu zahlreichen, teils urkomischen Verwicklungen führt. Ein ganzes Dorf ist in Aufruhr.

„Was man von hier aus sehen kann“, ist eine wundersame Reise mitten hinein in eine absolut liebenswert, schrullige Dorfgemeinschaft. Ein Buch, bei dem kein Auge trocken bleibt, vor Lachen aber auch vor Weinen. Unglaublich. Ein Buch, das man immer wieder lesen kann und mein derzeitiger Lieblingsgeschenketipp. Wenn sie ihren Lieben etwas Gutes tun wollen, dann schenken sie Ihnen dieses Buch.

 


Bei aller Liebe von Petra Reski

Wenn man wissen will, was die italienische Mafia derzeit treibt, dann ist man bei Petra Reski in guten Händen. Seit 2014 schreibt, die von Haus aus investigative Journalistin und erfolgreiche Sachbuchautorin, Krimis über die Mafia und ihr Treiben und dies hat seinen ganz besonderen Grund. Denn wer so knallhart und ehrlich über die „ehrenwerte Gesellschaft“ schreibt, der macht sich verständlicherweise nicht nur Freunde. Und so hat die Mafia nicht nur versucht Reski einzuschüchtern, nein, sie wollten ihre auch gerichtlich einen Maulkorb verpassen. Doch was im Rahmen von Reportagen, Berichten und Sachbüchern funktioniert, geht nicht so leicht, wenn sich eine Autorin in den Fiktiven Bereich zurückzieht. Und so schreibt Petra Reski in ihrer nunmehr drei Kriminalromane umfassenden Reihe, mutige gegen das Vergessen an, denn solange über die Mafia, insbesondere in Deutschland nicht geschrieben wird, solange existiert sie in den Köpfen der Menschen auch nicht. Ja, es mag vom Handlungsablauf her spannendere Krimis geben, auch springt die Handlung manchmal etwas zu sehr hin und her. Doch wer wissen will, womit die Mafia derzeit ihr Geld verdient, in welch üble Machenschaften sie gerade in Deutschland verstrickt ist und wie der Hase derzeit läuft, der sollte sich die Zeit nehmen und sich intensiver mit Frau Reskis Bücher beschäftigen und am Ende denkt man dann auch „Bei aller Liebe“!!!

 


Unsere Frau in Pjöngjang von Jean Echenoz

Es ist immer wieder ein riesen Vergnügen die Bücher von Jean Echenoz zu lesen. Sei es seine Fabulierlust, sein Wortwitz oder schlicht der Erzähler als stets zuverlässiger Begleiter, immer an der Seite des Lesers.

Mit „Unsere Frau in Pjöngjang“ unternimmt Echenoz einen Ausflug in die Welt der Agentenromane. Constance heißt die Frau der Stunde. Doch noch ahnt sie nichts von ihrem Glück, noch streift sie arglos durch die Straßen von Paris, ahnt nichts von der für sie vorgesehen Rolle. Noch ist es ein weiter Weg bis Pjöngjang, für sie, für den Leser, für den Erzähler. Doch eines ist sicher, die Reise, und mag das Ziel auch noch so fern sein, sie wird nie langweilig. Ein riesen Lesevergnügen. Und auch wenn man stellenweise den Eindruck gewinnt, der Erzähler hätte nicht mehr alles im Griff – Echenoz hat es.

 


Rimini von Sonja Heiss

Eigentlich ist Rimini eine ganz normale Familiengeschichte über die Liebe im Lauf der Zeit, das Älterwerden, den Alltag der sich immer mehr ins Leben und die Liebe einschleicht, wäre da nicht dieses Familiengeheimnis, das dem Ganzen eine überraschende Wendung verleiht. Sonja Heiss spielt in Rimin auf der Klaviatur die da Leben heißt, mal ganz leise und ruhig, dann wieder wild und ausufernd. Doch so verrückt es in diesem Buch auch immer wieder zugeht, sosehr ihre Figuren hin und wieder überzureagieren scheinen, sind da doch immer wieder diese kleinen Momente, in denen man sich selbst oder die eigenen Freunde und Verwandten wiederzuerkennen scheint und genau diese Momente sind es, die Sonja Heisses Buch zu etwas ganz Besonderem machen, man muss ihm nur eine Chance geben und sich darauf einlassen, auf diesen wilden Ritt mitten durchs Leben.

 


Die Farbe von Milch von Nell Leyshon

„Dies ist mein Buch und ich schreibe es eigenhändig. Es ist das Jahr des Herrn achtzehnhunderteinundreißig und ich bin fünfzehn geworden und sitzt an meinem Fenster und kann viele Dinge sehen. Ich kann Vögel sehen die den Himmel mit ihren Schreien füllen. Ich kann die Bäume sehen und die Blätter. Und jede Blatt hat Adern die über seine Oberfläche laufen. Und die Rinde jedes Baumes hat Risse. Ich bin sehr groß und mein Haar hat die Farbe von Milch. Mein Name und ich habe gelernt, ihn zu buchstabieren. M.A.R.Y. So schreibt man die Buchstaben.

Ich will erzählen was passiert ist aber ich muss aufpassen dass ich nicht zu hastig vorpresche wie die Kühe am Weidegatter denn sonst komm ich ins Stolpern und falle und außerdem will ich anfangen wo jeder vernünftige Mensch anfangen sollte.

Und zwar am Anfang.“ (Erste Seite)

Meist fasziniert ja der erste Satz eines Buches, bei „Die Farbe von Milch“ war es bei mir die erste Seite. Nichtsahnend wo es mich noch hinführen würde, in welche Abgründe ich Mary folgen würde, war ich von Beginn an gebannt von Nell Leyshons Erzählstil. Es ist die Geschichte von Mary, einem Mädchen, das in einfachsten Verhältnissen auf einem Bauernhof im ländlichen Großbritannien aufwächst. Der Vater ist streng, doch Mary liebt ihre Schwestern und pflegt ein ganz besonders inniges Verhältnis zu ihrem Großvater. Dieses Verhältnis wird sie im Laufe der Geschichte auch immer wieder aufrechterhalten, ihr neuen Mut und Hoffnung geben, den für diesen alten Mann bleibt sie stark, ihn will sie auf keinen Fall enttäuschen, für ihn will sie unbedingt lesen lernen, doch der Preis dafür ist hoch und treibt sie und mit ihr den Leser an den Rand des Erträglichen. „Die Farbe von Milch“ ist ein unglaublich intensives Leseerlebnis. Immer wieder stößt man als Leser an seine Grenzen und doch will man wissen wie es weitergeht.

 


Katie von Christine Wunnicke

Klein, aber fein, so würde ich dieses Buch kurz umschreiben. Vielleicht ist es aber auch einfach diese Atmosphäre, das neblige London des ausgehenden 19.Jahrhunderts. Vielleicht trübt dieser Nebel nicht nur die Sicht im Roman, sondern auch die des Lesers. Schummrig geht es zu in Christine Wunnickes Roman. Wir schreiben das Jahr 1870. Séancen sind in der Londoner Metropole der damaligen Zeit der letzte Schrei. Das Medium Florence Cook ist der Star der Szene. Sir William Cook der Mann der Stunde, der die vermeintliche Hochstaplerin entlarven will. Doch ist Florence Cook wirklich eine Hochstaplerin. Das Beste an der Geschichte, sie ist wahr. Florence und Sir William Cook sind keine Erfindung von Christine Wunnicke, nein, es gab sie wirklich. Wunnicke lässt sie nun in ihrem Buch erneut zum Leben erwachen, mit solcher Zauberkraft, dass man ihr als Leser förmlich an den Lippen hängt. Ein Kleinod.

 


Herz auf Eis von Isabelle Autissier

„Diese Lektüre ist eine Extremerfahrung.“ So lesen wir auf dem Cover eine Aussage von Corse Matin über das Buch. Und man kann dieses Buch in einem Satz wirklich nicht besser beschreiben. Louise und Ludovic sind jung und verliebt und sie wagen ein Abenteuer. So machen sie sich mit ihrem Boot allein auf den Weg um die Welt zu umsegeln. Doch was als einjähriger Ausstieg aus dem schnöden Alltag aus ihrem Pariser Leben gedacht war, wird schnell zum lebensbedrohlichen Albtraum, als die Großstädter auf einer kleinen unbewohnten Insel vor Kap Horn während eines Sturms stranden. Das Boot ist fort, ihr spärlicher Proviant bald aufgebraucht. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt. Als Leser folgt man atemlos und fragt sich doch immer wieder, wie würde ich mich in dieser Situation verhalten.

„In den wichtigsten Momenten ist der Mensch allein, …“ (S. 114)

 

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