Ein neuer, starker Ast im Werk des Catalin Dorian Florescu

Florescu

Mit „Der Mann, der das Glück bringt“ habe ich einen wirklich unglaublichen Erzähler neu für mich entdeckt. Catalin Dorian Florescu erzählt wie kein anderer in deutscher Sprache mit osteuropäischer Stimme.

Rumänischer Aberglauben, Legenden und Märchen fließen ebenso in seine Arbeiten mit ein, wie persönliche Erfahrungen, Orte die er kennt und ihm von anderen zugetragene Geschichten. Ein einfach großartiger Fabulierer.

Doch wen wundert dies, wenn ein Mann schon Dorian mit zweitem Vornamen heißt, dann kann er ja nur Schriftsteller werden. Insoweit scheint Catalin Dorian Florescu sein späterer Beruf schon in die Wiege gelegt worden zu sein. Mit „Der Mann, der das Glück bringt“ liegt nun der 6. Roman des 1967 in Timişoara Rumänien geborenen Autors vor, der heute in der Schweiz lebt und ausschließlich in Deutsch schreibt. Dies ist insoweit interessant zu wissen, da es in Florescus Werk immer um sein eigenes Lebensthema geht: Auswanderung, Exilerfahrung, der Verlust von Heimat und das Trauma, das damit verbunden ist. Es geht um das Talent des Menschen, sich immer wieder und überall neu zu erfinden, Menschen auf der Suche nach einem besseren, einem sicheren Platz im Leben, an dem man idealerweise auch noch glücklich ist. Wie Florescu in einem Interview mit seinem Lektor Martin Hielscher sagt:

„Für mich bedeutet literarisches Schreiben in Sprache gießen, was persönliche Vision ist. Ein Menschenbild, ein Bild darüber, wie die Welt ist, was die Welt im Innern zusammenhält. D.h. schreiben beginnt eigentlich schon lange vor dem Schreiben, mit der Art und Weise, wie ich in der Welt stehe, mit meiner Bewusstheit darüber, wer ich bin, woher ich komme. Das war bei mir immer so und das ist ganz wichtig.“

Ja, Florescu hat etwas zu sagen, und es ist dieser eine rote Faden, der sich tief durch sein Werk zieht. Und wenn man dieses mit einem Baum vergleicht, so ist es die all seinen Büchern gemeinsame Wurzel und mit „Der Mann, der das Glück bringt“ ist ihm ein neuer, starker Ast gewachsen. Wieder geht es um eine Exilgeschichte. Das Ungewöhnliche in diesem Fall – ihr Aufbau – 2 Handlungsstränge voneinander zeitlich und räumlich getrennt und doch weiß man von Beginn an, hier erzählen sich zwei Menschen ihre ganz persönliche Familiengeschichte. Wir wissen nicht, wie und wo sie sich getroffen haben, doch das wird die Handlung schon noch zeigen, wichtig ist zunächst nur Ray erzählt Elena die schier unglaubliche Geschichte seines Großvaters. Wie dieser sich im New York des Jahres 1899 trotz hartem Winter und fehlendem Dach über dem Kopf vollkommen auf sich alleine gestellt zu behaupten wusste. Als singender Zeitungsjunge und Schuhputzer schlägt er sich durchs Leben und träumt vom Applaus des Publikums und einer Karriere am Variéte. Und im Gegenzug erzählt Elena die Geschichte ihrer Mutter, die in der archaischen Welt des Donaudeltas Anfang des 20. Jahrhunderts aufwuchs. Eine Welt, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, die Natur das Leben bestimmt und die Menschen von einem tiefen Aberglauben durchdrungen sind und mehr noch als den Tod den Teufel fürchten. Doch Elenas Mutter kann nur an eines denken: „Amerika!“

Das zentral verbindende Element beider Geschichten und auch der Geschichte von Ray und Elena zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Suche nach einem sicheren Platz zum Leben, der Traum von einer Zukunft. Wie es im Buch auf S. 166 so treffend heißt:

„Jeder befand sich unterwegs zu irgendeinem Amerika.“

Was mich beim Lesen dieser Geschichte so fasziniert hat: Wie dieser Roman, der ein ganzes Jahrhundert Geschichte umspannt, ganze Kontinente miteinander verbindet und die Geschichten zweier Familien generationsübergreifend erzählt, niemals den Handlungsfaden aus den Augen verliert und wie bei einem 3-dimensionalen Puzzle findet am Ende Kapitel für Kapitel, Satz für Satz, Wort für Wort jedes Teil seinen für ihn vorgesehenen Platz um ein unglaubliches Gesamtbild zu zeigen von New York, dem Donaudelta, Europa, Amerika und unserer gemeinsamen Geschichte. Es geht dabei um Menschen die sich finden und wieder verlieren, um Verrat, Freundschaft, Liebe und vor allem um das Talent der Menschen sich immer wieder an neuen Orten neu zu erfinden.

Ein Buch, das wie kein anderes in die heutige Zeit zu passen scheint. Ein Buch, das in Erinnerung ruft, das auch wir Europäer (Iren, Italiener, Juden, Deutsche,…) einmal zu den scharen von Flüchtlingen gehörten, die es in die Ferne zog. Oder mit Florescus eigenen Worten:

„Vor über hundert Jahren flohen Millionen aus Europa nach Amerika, um ein besseres, sichereres und würdigeres Leben zu finden. Es waren Juden, die vor der Verfolgung in Galizien und im Zarenreich flohen, Süditaliener und Iren, die dem Hunger entkommen wollten. Und sehr viele Deutsche. Sie alle fanden den Weg nach Amerika über New York, wo sie oft genug auch blieben. Sie bildeten den Humus für eine neue Kultur.“ – Das sollten wir nie vergessen.

Sprache verbindet und Florescus Sprache ist unglaublich schön und bildgewaltig. Sie weiß zu berühren. Wie ein Film spielt sich die Handlung vor unseren Augen ab und ich kann dem Autor nur Recht geben wenn er sagt:

„Ich sehe meinen Roman nicht nur als eine Geschichte darüber, wie man seinen Platz in der Welt sucht, sondern auch, wie man erzählend den Weg zum Anderen, zum Gegenüber, findet.“

Bei mir hat es funktioniert.

©Buchlotsin

Buchhandelsdaten:

Florescu, Catalin Dorian

Der Mann, der das Glück bringt

Roman 2016. 327 S.: Gebunden

ISBN 978-3-406-69112-6

Erschienen: 10.02.2016

Unverb. Preis: (D)19,95 €    inkl. MwSt.

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