Was für ein Buch – Benedict Wells neuer Roman

Einfach mal die Perspektive wechseln

Einfach mal die Perspektive wechseln

Dieser Roman ist unglaublich gut, beeindruckend intensiv und beginnt auch noch mit einem meiner Lieblingszitate:

 

„Rück mit dem Stuhl heran

Bis an den Rand des Abgrunds

Dann erzähl ich dir meine Geschichte“

F. Scott Fitzgerald

 

Wer hat nicht schon einmal über den Tod in seiner ganzen Endgültigkeit nachgedacht. Irgendwann kommt jeder im Leben an den Punkt, an dem er sich diesem Thema stellen muss. Spätestens beim Verlust eines geliebten Menschen. Bei Jules und seinen Geschwistern Marty und Liz kommt dieser Moment allerdings etwas sehr früh. Sie sind gerade einmal 10, 13 und 14 Jahre alt, als ihre Eltern tödlich verunglücken. Sie kommen gemeinsam in ein Internat, werden herausgerissen aus ihrem bisherigen, behüteten Leben.

Doch was macht ein solcher Schicksalsschlag mit einem Menschen, noch dazu wenn man so jung ist? Was verändert sich dadurch im eigenen Leben und in dem anderer, was nicht? Und gibt es die Möglichkeit, den einmal eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen, umzukehren und noch einmal von vorne zu beginnen?

Nun, in „Vom Ende der Einsamkeit“ reagieren die drei Geschwister ganz unterschiedlich: Während Liz beginnt ihr Leben gierig auszukosten, wacht Marty geradezu ängstlich über seines und Jules, der einstmals so abenteuerlustige und selbstbewusste Junge, dem kein Baum zu hoch war, zieht sich komplett in seine eigene Welt zurück. Die Geschwister entfremden sich zunehmend, sind außerstande sich gegenseitig zu helfen. Und so zieht sich der Jüngste Jules immer mehr in sein Schneckenhaus zurück. Nur seine Mitschülerin Alva scheint einen Zugang zu ihm zu finden. Und auch in Alvas Familie scheint nicht alles in Ordnung zu sein und so treffen sich die beiden in ihrer gemeinsamen Traurigkeit.

„Für einen kurzen Moment sah ich den Schmerz, der sich hinter ihren Worten und Gesten verbarg, und sie erahnte im Gegenzug, was ich tief in mir bewahrte. Doch wir gingen nicht weiter. Wir blieben jeweils an der Schwelle des anderen stehen und stellten einander keine Fragen.“ (S.59)

Jules empfindet bald mehr für Alva als nur Freundschaft. Doch wie soll er ihr das nur sagen und als er endlich den Mut findet, scheint es schon zu spät.

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist auch eine Liebesgeschichte, aber im Kern dreht sie sich um die Themen Trauer, Schicksalsbewältigung, Einsamkeit und Tod. Das Ende von uns allen steht nun einmal fest, dabei handelt es sich um eine unausweichliche Tatsache. Dem Tod können wir alle nicht entrinnen, die Frage ist nur, wie gehen wir damit um? Mit seinen unterschiedlichen Figuren zeigt uns Benedict Wells mehrere Antwortmöglichkeiten auf diese Frage auf. Seine einzelnen Charaktere eröffnen ihm dabei einen großen Handlungsspielraum und Benedict Wells versteht ihn beileibe zu nützen und mit Leben zu füllen. So geht ein jeder in dem Roman anders mit seinem/ihrem ganz persönlichen Schicksal um. Für den Leser interessant zu beobachten, lehrreich und unterhaltsam zugleich. Am Ende wird es sicherlich niemanden geben, den das Buch nicht nachdenklich stimmt, unberührt lässt, und die eine oder andere Träne kann man stellenweise nur mühsam unterdrücken.

7 Jahr hat Benedict Wells an diesem Roman geschrieben, der in seiner Ur-Fassung einmal 800 Seiten stark war, nun gekürzt auf 355. Diese sind aber umso intensiver.

Erzählt wird uns die Geschichte aus der Sicht Jules. Beginnend in der Gegenwart führt uns die Handlung schnell in die Vergangenheit, um sich dann in kurzen 1- 4 Jahre umfassenden Schritten der Gegenwart wieder immer mehr anzunähern. Ein guter Kniff, um die Spannung zu steigern und die Seiten nur so dahinfliegen zu lassen. Ich habe das Buch in nur wenigen Stunden gelesen.

Dieser Roman hat mich wirklich tief bewegt und seine unglaublich authentischen Figuren haben mich bis zum Schluss nicht mehr losgelassen. Eine jede von ihnen hat ihre Höhen und Tiefen, gute und schlechte Tage, Stärken und Schwächen, ganz so wie im wahren Leben eben auch.

Es sind ernste Fragen, denen sich der Autor hier widmet und es ist ein unglaublich kluges Buch, das Benedict Wells hier geschrieben hat, voller Lebensweisheit und Reife. Kaum zu glauben, dass der Autor gerade einmal 31 Jahre alt ist, quasi noch am Anfang seiner Karriere steht. Noch unglaublicher, dass es sich bei „Vom Ende der Einsamkeit“ bereits um sein insgesamt 4. Buch handelt.

Außergewöhnlich auch der Schreibstil: Vom Grunde her in einer betont einfachen Sprache gehalten, lässt Benedict Wells immer wieder so wundervoll poetische Textpassagen einfließen wie z.B.:

„Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts, und die Dinge passieren, wie sie passieren. Manchmal gerecht, so dass alles einen Sinn ergibt, manchmal so ungerecht, dass man an allem zweifelt. Ich zog dem Schicksal die Maske vom Gesicht und fand darunter nur den Zufall.“ (S. 299)

Sätze, die die ganze Aufmerksamkeit des Lesers einnehmen. Sätze, wie Musik in den Ohren des wortverliebten Bibliophilen. So schön, dass man sie sich selbst vorlesen möchte und es auch tut. Sätze, die durch den sie umgebenden, bewusst einfachen Kontext leuchten, wie Sterne in der Nacht und sich im Gedankenuniversum des Lesers fest verankern.

>You can't be wise and in love at the same time< Bob Dylan

>You can’t be wise and in love at the same time< Bob Dylan

Ein unglaublich feinsinniges Buch. Und ja es ist traurig, aber immer wieder blitzt da diese Heiterkeit durch, wohl verpackt in kleinen alltäglichen Szenen, kurzen Dialogen. Ebenso wie das Leben an sich nicht linear verläuft tut es diese Geschichte, mit ihren, trotz aller Widrigkeiten starken Figuren, die nicht aufgeben wollen, den Kampf mutig aufnehmen. „Vom Ende der Einsamkeit“ ist mein erster Wells, den ich gelesen habe, aber sicherlich nicht mein letzter. Ich werde den Weg dieses Autors auf jeden Fall weiterverfolgen.

Kleine Randbemerkung: Alvas Liebe zur Literatur und Jules Liebe zur Musik werden immer wieder im Buch thematisiert und so hat dieser Roman auch seine ganz eigene Lese- und Play-Liste. Ich habe versucht diese einmal unten zusammenzufassen. (Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, ich bin auch nur ein Mensch und mache Fehler.)

 

018Playliste – Der Soundtrack zu diesem Buch:

  • Paperback Writer / Beatles
  • Moon River / Audrey Hepburn
  • Via Con Me / Paolo Conte
  • Pink Moon / Nick Drake
  • Between the Bars / Elliott Smith
  • Time further out – Album / Dave Brubeck
  • Drei phantastische Tänze für Klavier Solo Op. 5 / Dimitri Schostakowitsch
  • Heroin / Velvet Underground

 

…und ihr literarisches Gedächtnis – die Leseliste:

  • Tom Sayer / Mark Twain
  • Der kleine Prinz / Antoine de Saint-Exupéry
  • Krabat / Otfried Preußler
  • Wer die Nachtigall stört / Harper Lee
  • Das Herz ist ein einsamer Jäger / Carson McCullers
  • Schnee auf dem Kilimandscharo / Ernest Hemingway
  • Lolita / Vladimir Nabokov
  • Erinnerung, sprich / Vladimir Nabokov
  • Der seltsame Fall des Benjamin Button / F. Scott Fitzgerald
  • Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Un amour de Swann) / Marcel Proust
  • Die Brüder Löwenherz / Astrid Lindgren

 

Ein Gedanke zu „Was für ein Buch – Benedict Wells neuer Roman

  1. Eine sehr schöne Rezension über einen mehr als schönen Roman! Besonders, dass du die Lese- und Playlist zusammengestellt hast, gefällt mir sehr gut. Deinen Blog habe ich direkt mal abonniert – Daumen hoch! Ganz liebe Grüße, Inga

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