Ein Leben unter der Glasglocke

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Jeder Geist baut sich selbst ein Haus; und jenseits dieses Hauses eine Welt.     

                                                                           Emerson

 

Es gibt Dinge, die Suchen und die finden sich. Ganz ähnlich dürfte es sich mit dem Thema „Biosphäre 2“ und T.C. Boyle verhalten haben. Ein Millionär, mit visionären Ideen und eine Gruppe ausgewählter Mitarbeiter, die gemeinsam versuchen in einem nahezu wahnwitzigen Experiment zu beweisen, dass es möglich ist, eine künstliche Alternative zu unserer Erde, zu der einmaligen Biosphäre in der wir leben, zu erschaffen.

Klingt abenteuerlich, war es sicherlich auch, als sich vor nunmehr als zwanzig Jahren vier Frauen und vier Männer dazu bereiterklärten sich für zwei Jahre in die sog. „Biosphäre 2“ einschließen zu lassen, einer Art riesigen Gewächshauses in der Wüste von Arizona. Ein künstlich erschaffenes Ökosystem mit allem was dazugehört: Ozean, insgesamt 4 Klimazonen (Wüste, Savanne, Regenwald, Mangrovensumpf), einer Fläche für Ackerbau- und Viehzucht und sogar einer Art kleinen Stadt als Unterkunft für die Bewohner, die sog, Bionauten. Ziel des Experimentes war es eine Alternative zum Leben auf der Erde zu schaffen, ein künstlicher Lebensraum, ein sich selbst erhaltendes ökologisches System, falls der Super Gau eintreten und unsere Welt einmal nicht mehr bewohnbar sein sollte. Eine Möglichkeit, die das Leben auf einem Planeten wie dem Mars wieder in den Bereich des Machbaren rücken ließ. Nichts rein, nicht raus – so das oberste Mantra der Versuchsanordnung. Damals scheiterte die Crew schon nach wenigen Tagen, als die Bionautin Jane Poynter sich bei der Arbeit die Fingerkuppe abschnitt und ärztlich behandelt werden musste. Sie verließ nur für fünf Stunden die Biosphäre, doch die oberste Regel war gebrochen und auch wenn die Crew schlussendlich die vollen zwei Jahre in ihrer künstlichen Umgebung verbrachte so kann man das eigentliche Experiment doch als gescheitert ansehen.

Ein Stoff wie geschaffen für den amerikanischen Kultautor T.C. Boyle: Eine abgeschottete Gruppe, eine nahezu schon sektenähnliche Struktur, ein gottgleicher Leiter, Überwachung wie bei Big Brother und ein faszinierendes ökologisches Experiment, das sich allein schon ausnimmt wie ein Science Fiction.

Mit „Die Terranauten“ hat sich Boyle seine eigene „Biosphäre 2“ (im Buch heißt sie „Ecosphere 2“) geschaffen, sein eigenes Experiment und seine Crew scheitert nicht so schnell. Mit eisernem Willen kämpfen sie mit Hunger, Ungeziefer, Sauerstoffmangel, menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten, dem Mangel an Privatsphäre und dem sich nicht ausweichen können. Hinzu kommt der Druck von außen durch die andauernde Überwachung durch die „Mission Control“, Vorgaben die sie zu erfüllen haben, permanente Bevormundung und Konkurrenzdruck durch alternative Kandidaten, die nur auf ihre Chance warten, die Biosphäre zu betreten. Die Folgen: Neid, Missgunst und Mobbing. Schnell ist klar dieser Kampf geht viel tiefer als nur um Nahrungsmittel, ein bisschen Freiraum und Selbstbestimmtheit. Hier kämpft Mensch gegen Mensch, Crewmitglied gegen Crewmitglied und vor allem anderen kämpft man gegen und mit sich selbst.

Erzählt wir uns das Ganze aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln: Dem der zwei Crewmitgliedern, Dawn Chapman und Ramsey Roothoorp, die uns so eine innere Sicht auf die Dinge vermitteln und dem der Dauerersatzkandidatin Linda Ryu, durch die wir einen Blick von außen auf die Biosphäre werfen können. Zugegeben, keiner der Blickwinkel ist neutral, doch Boyle schafft es eben durch die Realitäten der einzelnen Figuren, den Leser direkt in das Geschehen miteinzubeziehen. Automatisch bezieht man hier und da Partei, empfindet Antipathie und Sympathie. Das macht das Geschehen lebendig, für den Leser greifbar, ja, manchmal fühlt man sich als wäre man selbst gefangen unter dieser Glasglocke.

Mit „Die Terranauten“ zeigt uns T.C. Boyle einmal mehr auf, dass der Mensch sich eben so wenig kontrollieren lässt wie die Umwelt. Die Biosphäre ist eben nicht Star Trek. Captain Kirk und seine Crew mussten keine Schweine füttern, Ziegen melken, mit Hunger kämpfen, sie konnten immer einmal wieder die Enterprise verlassen und sei es auch nur für kurze Zeit und an Bord fehlte es an rein gar nichts. Sie mussten nicht mit sich selbst kämpfen, sondern nur mit den Ungeheuern aus dem Weltall. Der Traum von eine neuen Welt scheint weiter weg denn je. Können wir wirklich darauf hoffen auf dem Mars ein kontrollierbares, sich selbst erneuerndes, ökologisches System zu errichten, wenn wir es nicht einmal auf der Erde schaffen achtsam mit unserer Umwelt umzugehen und ihr Gleichgewicht zu bewahren?

Einmal mehr hat uns T.C. Boyle den Spiegel der Wahrheit vorgehalten.

5 Gedanken zu „Ein Leben unter der Glasglocke

  1. Ahoi!
    Nachdem ich ein Buch von Boyle abgebrochen habe, weil es so unfassbar öde war, hast du mich wieder neugierig gemacht. Ich besorge mir die Tage mal eine Leseprobe, vielleicht kann mich Boyle ja jetzt überzeugen 🙂

    Cheerio
    Mareike

    • Ahoi Mareike,
      ich freue mich, dass ich Dich wieder neugierig machen konnte auf Boyle und hoffe nun natürlich, dass er Dir auch gefällt. Bin gespannt auf Deine Rückmeldung.
      Ganz liebe Grüße und halt die Ohren steif,
      Heike

  2. Hallo,

    ich habe das Buch auch gelesen. Auch wenn ich mit dem Lesen meine Probleme hatte, weil mir die Figuren unsympathisch waren und es sich streckenweise doch sehr gezogen hat, hat es mir ganz gut gefallen.

    Deinen abschließenden Satz, dass uns Boyle den Spiegel der Wahrheit vorgehalten hat, finde ich sehr passend. Diese Aussage fasst das Buch bzw. die gesamte Geschichte wirklich gut zusammen.

    Liebe Grüße
    Julia

    • Hallo Julia,
      ich kann Dich gut verstehen, auch mir war keine der Figuren wirklich sympathisch und das kann schon während des Lesens zum Problem werden. Einer Freundin von mir hat das Buch schon überhaupt nicht gefallen, gerade weil sie sich sehr gerne mit ein oder mehreren Figuren eines Buches identifiziert und das hier so gut wie nicht möglich ist. Aber ich persönlich liebe einfach T.C. Boyles unbeschreibliche Art, Dinge auf den Punkt zu bringen, ja, und auch so manches Mal auf die Spitze zu treiben. Und sein hier und da durchblitzender sarkastischer Humor, einfach klasse. Ja, ich oute mich, ich bin ein kleiner Boyle Fan und bisher hat es nur eines seiner Bücher geschafft, mich nicht ganz zu überzeugen.
      Ganz liebe Grüße,
      Heike

      • Hallo Heike,

        ich kann auch gut verstehen, warum deine Freundin das Buch abgebrochen hat. Ich mag es eigentlich auch lieber, wenn ich mit den Protagonisten etwas anfangen kann. Boyle konnte mich aber hier einfach irgendwie trotzdem überzeugen.

        Boyles Humor hat mir auch gut gefallen und mich auch neugierig auf weitere Bücher von ihm gemacht.

        Liebe Grüße
        Julia

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