ELEFANT – Vom Segen und Fluch der Gentechnik

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Wer kennt sie nicht, hat nicht zumindest schon einmal von ihnen gehört oder sie im Buchhandel stehen sehen, die Romane des Schweizer Autors Martin Suter. „Lila, Lila“, „Small World“, „Der letzte Weynfeldt“ oder zuletzt „Montecristo“. Unvergesslich auch seine Romanserie rund um den versnobten, adligen Privatdetektiven Allmen oder seine schon legendäre Kolumne aus der „Business Class“. Mit „Elefant“ hat sich Suter wieder einmal selbst neu erfunden.

Im Englischen ist der rosa Elefant ein klassischer Topos für eine alkoholbedingte Halluzination. Und auch der Obdachlose Schoch glaubt zunächst daran, dass ihm sein Verstand ein Schnippchen schlägt, als er in seiner Schlafhöhle ein winziges, rosarotes „Elefäntchen“ vor sich stehen sieht, das zudem noch in der Dunkelheit leuchtet.

Es war ein winziger Elefant, höchstens vierzig Zentimeter lang und dreißig hoch. Er besaß die Proportionen eines Jungtieres und die Haut eines …eines Marzipanschweinchens! Nur ein wenig runzelig. Und mit rosa Härchen auf dem Rücken. (S. 102)

Doch schnell wird ihm klar, der Winzling ist echt und bald ist nicht nur Schoch wie verzaubert von ihm sondern auch die ins Vertrauen gezogene Veterinärin Valerie.

Was Schoch und Valerie jedoch zunächst nicht wissen, das Tier ist ein Zufallsprodukt des ebenso ehrgeizigen, wie skrupellosen Genforschers Roux, eine einmalige Genmanipulation, ein Zufallsprodukt, dazu bestimmt geklont und als Luxusspielzeug teuer verkauft zu werden und sein Schöpfer denkt gar nicht daran, sein lukratives Objekt so einfach aufzugeben.

Mit seinem neuen Roman „Elefant“, der seit heute im Buchhandel erhältlich ist, hat der Schweizer Erfolgsautor Martin Suter nicht nur eine Figur erschaffen, die die Herzen der Leser im Sturm erobern wird, sondern sich auch mit dem faszinierenden und etwas beängstigenden Thema Gentechnik befasst.

Biolumineszenz, so bezeichnet man die Fähigkeit von Lebewesen aus sich selbst heraus zu leuchten. Gar nicht einmal so selten in der Natur, findet man sie doch bei Glühwürmchen, Pilzen und Meeresbewohnern. Primordialen Zwergenwuchs hingegen nennt man den seltenen Gendefekt, kleinwüchsig, aber gleichzeitig von den Proportionen her absolut der Norm zu entsprechen. Zwei Phänomene, die dieser kleine Elefant in sich vereint. Ein solches Wesen gibt es bisher noch nicht, aber es läge durchaus im Bereich des heute schon wissenschaftlich Möglichen. Und genau hier sind wir beim Kern des Buches angelangt: Wozu ist die Genforschung heute und in Zukunft fähig? Wie weit darf Wissenschaft in ihrem Forschungsbestreben gehen? Wann wird aus dem medizinischen Segen ein profitabler Fluch? Ist der Reiz der immensen Möglichkeiten nicht doch zu groß? Der durch die Industrie in Aussicht gestellte Profit nicht doch zu verführerisch? Ab wann ist die Grenze überschritten, öffnet sich die Büchse der Pandora? Und wie kann man eine solch sensible Wissenschaft, wie die der Gentechnik vor Missbrauch schützen?

Fragen, nicht allein ethisch-moralischer Natur und auch nicht rein religiöser. Vielmehr Fragen des Respekts vor dem Wunder, das da Leben heißt und dem Recht jeder einzelnen Kreatur darauf. Und nicht zuletzt Fragen nach dem Verantwortungsbewusstsein eines jeden Menschen.

»Aus Ehrfurcht vor dem Leben, wie auch immer es entstanden sein mag«, ergänzte Valerie.

»Du meinst, Schöpfung oder Evolution? «

»Manchmal denke ich, es ist dasselbe. Der Unterschied ist nur die Zeitspanne. Sieben Tage oder ein paar Millionen Jahre – Zeit ist relativ. Alles eine Frage der Perspektive. Wie lange kommt der Eintagsfliege ihr Leben vor? « (S.275)

Und Ehrfurcht vor dem Leben haben die Hauptfiguren, die Suter unserm kleinen Elefanten hier zur Seite stellt. Allen voran Schoch, ein einsamer Wolf, aus der Bahn geworfen, Absturz aus höchster Höhe, dann Kontrollverlust, obdachlos, alkoholkrank. Schoch, der Dank des Elefäntchens und der idealistischen, sozial sehr engagierten Veterinärin Valerie neuen Mut fasst und nach und nach wieder zurückfindet in die Gesellschaft. Und dann gibt es da noch Kaung, den burmesischen „Elefantenflüsterer“, der in dem Elefantenzwerg, ein gottgleiches Wesen sieht. Sie alle kämpfen, um dieses kleine Wesen. Ein Kampf, Gut gegen Böse. Individuum gegen Industrie. Ein Kampf, der auf mehreren Ebenen sowohl zeitlich wie örtlich und in mehreren Runden ausgetragen wird.

Mit „Elefant“ hat Martin Suter wieder einmal die Hand direkt am Puls der Zeit, legt den Finger in die offene Wunde. Hervorragend recherchiert, überzeugend konstruiert und gewohnt tiefgründig. Die Gefühle, ganz nach Schweizer Art dezent reduziert und wie immer ist die Handlung eingebettet in absolut glaubhafte Settings.

Diese führen uns vom Labor eines Genforschungsunternehmens, über die Züricher Obdachlosenszene und die Welt des Zirkus hinein in die Konzernzentrale eines chinesischen Multis. Alles liegt so klar vor dem Leser, als wäre er selbst mit vor Ort. Gelungene Dialoge und absolut kein Wort zu viel tragen ihr Übriges dazu bei, dass dieses Buch vor allem eines ist, auf höchste Weise unterhaltsam.

elefantdiogenes

 

 

Hardcover Leinen
352 Seiten
erschienen am 18. Januar 2017

978-3-257-06970-9
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
* unverb. Preisempfehlung             

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