Neues von der Krimifront

Literarisch begebe ich mich ja immer mal wieder sehr gerne auf Verbrecherjagd. Dabei liebe ich sowohl knisternde Spannung, als auch gut konstruierte, klassische „Whodunit“ á la Agatha Christie. Daher kamen auch in den vergangenen Monaten wieder die ein oder anderen spannenden Romane, Thriller und Krimis bei mir auf den Nachttisch, denn was gibt es schöneres, als sich, wenn es draußen bereits dunkelt, ins gemütliche Bett zu kuscheln und von dem ein oder anderen Meister literarischer Spannung in die kriminologische Irre führen oder gar eine Gänsehaut über den Rücken jagen zu lassen.

Gestaendnisse von Kanae Minato

„Außergewöhnliche Menschen haben das Recht, der althergebrachten Moral zuwiderzuhandeln, um etwas Neues in die Welt zu setzen.“ (aus Dostojewskis, Schuld und Sühne)

Seit jeher beschäftigt sich die Kriminalliteratur mit dem Bösen in uns, damit was einen Mörder zum Mörder macht, mit den sog. niedrigen Beweggründen, die uns sämtliche Moral über Bord werfen lassen und einen Menschen dazu bringen einen anderen zu töten. Schlimm genug möchte man meinen. Doch noch schlimmer wird es immer dann, wenn scheinbar kein bestimmtes Motiv ersichtlich ist und ganz schrecklich, wenn es sich bei dem Opfer um ein Kind handelt.

Die vierjährige Manami ist tot. Die kleine Tochter der alleinerziehenden Lehrerin Moriguchi ist im Schulschwimmbecken ertrunken. Die Öffentlichkeit geht von einem Unfall aus. Doch Moriguchi weiß es besser und so nimmt sie tieferschüttert einige Wochen später ihren Abschied an der Schule, nicht jedoch ohne zuvor eine letzte Schulstunde abzuhalten. Eine Stunde die so schnell keiner der Schüler mehr vergessen wird, konfrontiert sie doch ihre Klasse mit dem Grund für ihr Ausscheiden aus dem Schuldienst: „Weil Manamis Tod kein Unfall war. Sie wurde ermordet, und zwar von Schülern aus dieser Klasse.“

Was Moriguchi mit ihrem Geständnis auslöst gehört mit zum bösesten, aber auch faszinierendsten was ich seit langem gelesen habe. Hier nimmt ein Mensch auf eine so subtile Art Rache, wie sie mir bis dato noch in keinem Buch untergekommen ist. Rache an den Tätern, aber auch an einer Gesellschaft, die eine solche Tat erst möglich macht.

Eine Geschichte so spannend wie ein Drahtseilakt ohne Seil und doppelten Boden.

 

Mord unterm Gaslicht – So könnt man wohl am besten die erfindungsreiche „Whodunit“-Krimireihe aus der Feder des Briten M.R. Kasasian zusammenfassen.

Der Handlungsort: Das viktorianische London des ausgehenden 19.Jahrhunderts.

Die Ermittler: Eine Art mürrischer Sherlock-Holmes mit Glasauge namens Sidney Grice und ein weiblicher Watson mit extremer Vorliebe für Gin, in Gestalt seines Patenkindes March Middleton.

Britischer geht es nun wirklich nicht mehr. Bereits zwei Bände dieser kultverdächtigen Krimireihe sind unter Regie des Atlantik-Verlages (gehört zu Hoffmann & Campe) erschienen. Vor stimmungsvoll beschriebener historischer Kulisse kommen hier Genre-Fans voll auf ihre Kosten. Scharfzüngige Dialoge, falsche Fährten und ein nicht ganz alltägliches Ermittlerduo versprechen Krimispaß vom feinsten.

 

 

Ebenfalls aus dem Hause Hoffmann und Campe kommt der nächste Tipp. „Der Tote im fremden Mantel“ ist bereits der dritte Fall für Pieter Posthumus.

Dieses Mal führt die Neugier Pieter tief hinein in ein Netz aus politischen Intrigen, illegalen Machenschaften und tief hinein in seine eigene „wilde“ Vergangenheit. Spannend geschrieben und voller liebevoller Details über eine Stadt, die ich immer wieder nur allzu gerne besuche. Erlesene Krimikost und Städtetrip in einem. Ich bin schwer verliebt in diese Reihe.

Wer mehr erfahren möchte: hier geht es lang !

 

Mein nächster Tipp führt uns nach Hamburg. In der Hansestadt treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Innerhalbe kürzester Zeit werden drei scheinbar unbescholtene Bürger am helllichten Tage Opfer eines grausamen Verbrechens. Offenbar willkürlich sucht sich der Mörder seine Opfer aus, denn alle drei stammen aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und hatten augenscheinlich nichts miteinander gemein. Grund genug für Sebastian Fink seinen bevorstehenden Urlaub zu verschieben und auf Mörderjagd zu gehen.

Mit „Heimliche Herrscher“ hat Friedrich Dönhoff einen absolut soliden Krimi vorgelegt, der die feine Hamburger Art ebenso gelungen einfängt, wie die, im krassen Gegensatz dazu stehenden, Gesetze und Regeln des Rotlichtmilieus. Mit Sebastian Fink hat er eine erfrischend andere Art Ermittler erschaffen: liebenswert, unverbraucht und klug. „Heimliche Herrscher“ ist bereits Dönhoffs vierter Krimi aus der Reihe. Neben Krimis sind des Weiteren zwei Biographien des Autors bei Diogenes erschienen, unter anderem „Die Welt ist so, wie man sie sieht“, Erinnerungen an Marion Dönhoff, seine Großtante.

 

Wem das alles nun doch noch etwas zu „seicht“ war, dem sei die Reihe rund um das ungleiche Bostoner Ermittlerpaar Patrick Kenzie & Angela Gennaro empfohlen.

Die Bücher der Reihe zählen zu den ersten Werken eines meiner absoluten Lieblings-Thriller-Autoren. Denis Lehane, längst schon in der Buchbranche kein Unbekannter mehr, zählt sicherlich nicht nur für mich zu den Meistern seines Faches. Bereits 1994 erschien der Auftakt der Reihe unter dem Originaltitel „A Drink Before The War“ (dt. Titel „Ein letzter Drink“). „Gone Baby Gone“ (dt. Titel „Kein Kinderspiel) wurde 2007 unter Regie von Ben Affleck mit Casey Affleck und Morgan Freeman erfolgreich verfilmt. Diogenes hat es sich zur Aufgabe gemacht, nach und nach alle Titel der Reihe in neuer Übersetzung herauszubringen. Mit „Dunkelheit, nimm meine Hand“ liegt nun der zweite Band der Reihe in absolut gelungener Neuübersetzung aus dem Amerikanischen von Peter Torberg vor. Wahrlich kein Buch für schwache Nerven. Lehanes Bücher sind nichts für Zartbesaitete, sie entstammen vielmehr der Kategorie „Leiche-pflastern-ihren-Weg“. Mit Kenzie & Gennaro führt er uns tief hinein in den Kosmos der Bostoner Unterwelt. Mafiöse Bandenkrieg sind hier an der Tagesordnung. Eine ganz eigenen Welt, deren Gesetze und Regeln man schon kennen muss, um hier seinen Mann bzw. seine Frau stehen zu können. Und Kenzie & Gennaro beherrschen das Spiel nach allen Regeln der Kunst. Daneben ist es der absolut unvergleichliche Charme des ungleichen Paares, der den Reiz dieser Thriller-Lektüre ausmacht. Er vom Typ „Harte-Schale-Weicher-Kern“ und sie neurotisch, schräg, beinah schon etwas durchgeknallt. Ein gemischtes Doppel, das sich regelmäßig nicht nur beißende Wortgefechte liefert, sondern auch für eine latent sexuell aufgeladene Stimmung sorgt.

Alte Bekannte in wunderschön neuem sprachlichem Gewand – Vintage vom Feinsten.

 

Und zu guter Letzt ein Krimi der besonderen Art:

Der Tod des eigenen Kindes ist sicherlich das Schlimmste, was Eltern wiederfahren kann.

Wenn das Kind dazu noch ermordet wurde ist der Alptraum perfekt. Die Zeit scheint stillzustehen, unendlicher Schmerz, „absolute Abwesenheit“, das Glück auf immer verloren. Die Welt wird nie wieder dieselbe sein.

Lennard Grabbe ist gerade einmal 11 Jahre alt, als er an einem regnerischen Abend nach der Schule spurlos verschwindet. 34 Tage später wird jede Hoffnung durch die Wirklichkeit zerschlagen, Lennard wird tot aufgefunden. Vom Täter fehlt jede Spur. Ein Alptraum für die Eltern, aber auch für die Ermittler. Wenn Kinder die Opfer sind, lässt das selbst die härtesten, erfahrensten Ermittler nicht unberührt, noch dazu, wenn vom Täter jede Spur fehlt und ein Motiv nicht ersichtlich ist.

Mit „Ermordung des Glücks“ schickt Erfolgsautor Friedrich Ani den pensionierten Kommissar Jakob Franck erneut ins Rennen. Wie auch bereits bei Anis andere Figuren, handelt es sich bei Franck um einen eher untypischen Ermittler, schweigsam, in sich gekehrt, gilt er bei seinen Ex-Kollegen als absoluter Spezialist für die Überbringung von Todesnachrichten an die Hinterbliebenen.

„Todesworte, geschöpft aus jahrelanger Erfahrung als Verteiler von Sätzen in den Nächten allumfassender Sprachlosigkeit.“ S. 35

Ja, hier und da kann Ani den Lyriker in sich nicht verleugnen. Merkt man dem Autor den Spaß am Spiel mit Sprache und Worten an. Doch gerade dieser besondere, ganz eigene Ton, ebenso wie die nicht gerade alltägliche Methode der sog. „Gedankenfühligkeit“ (eine Wortschöpfung Anis) als Ermittlungsansatz Jakob Francks machen Anis Bücher, nicht nur im Rahmen dieses Falls, zu einem sehr speziellen Krimierlebnis. Die Genregrenzen scheinen durchlässig, ja, werden von Ani gar aufgebrochen. Und so macht nicht nur Jakob Franck die Gefühle der Täter, sondern auch Ani mit ihm und durch ihn die Gedanken seiner Figuren fühlbar, greifbar für den Leser. Lässt uns tief hineinblicken in das Innenleben seiner Protagonisten und genau dieser psychologische Moment macht seine Bücher zu etwas ganz besonderem und seine Krimis zu einem unglaublich intensiven Leseerlebnis.

Nicht jedem gelingt es in solch ruhigem Ton und geradezu langsamer Erzählweise, eine solch unglaubliche Spannung zu erzeugen.

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