Und die Moral von der Geschichte – über Amélie Nothombs neues Buch „Töte mich“

Bereits 2015 bei Éditions Albin Michel, Paris, unter dem Titel „Le crime du comte Neville“ erschienen, ist Amélie Nothombs nunmehr vierundzwanzigstes Buch nach langem Warten endlich auch auf Deutsch zu haben. Und das Warten hat sich mehr als gelohnt. Wie so häufig bei Nothomb ist es eine kleine Geschichte, mehr Märchen, denn Roman. Ein kleines Kunstwerk, Krimigroteske und pointierte Gesellschaftskomödie in einem. Ein kluges Büchlein, voller Spitzfindigkeiten, schwarzem Humor, beißenden Dialogen. Jedes Wort ist hier am richtigen Platz, jede Pointe passt.

In „Töte mich“ erzählt uns Amélie Nothomb die Geschichte der Adelsfamilie Neville, die auf ihrem Schloss Le Pulvier in den entlegenen belgischen Ardennen lebt. Graf Henri Neville ist glücklich verheiratet mit der Liebe seines Lebens, Gräfin Alexandra. Aus der Ehe sind drei Kinder hervorgegangen, Oreste (22), Électre (20) und Sérieuse (17). Wie viele Adelsfamilien heutzutage plagen die Nevilles finanzielle Sorgen und sie stehen kurz vor dem Verkauf ihres Schlosses. Dies trifft besonders Graf Henri sehr hart, sonnt er sich doch nur allzu gerne in der Rolle des großzügigen und perfekten Gastgebers. Zu den finanziellen Sorgen kommen die um die jüngst Tochter Sérieuse hinzu, scheint das Mädchen doch seit seinem vollendeten 12-ten Lebensjahr zunehmend depressiver und teilnahmsloser. So läuft sie denn auch eines Nachts fort und wird im Wald halberfroren von einer Wahrsagerin aufgefunden. Als Henri das Mädchen bei ihr abholen kommt, prophezeit diese ihm, er werde in nächster Zukunft einen Menschen töten. Und dies alles wo doch die letzte große Gartenparty auf Schloss Le Pulvier bevorsteht. Fortan ist Neville von nur einem einzigen Gedanken beseelt: Wie kann er verhindern, dass die Worte der Wahrsagerin in Erfüllung gehen?

Ganz offen, direkt und ungeniert greift Nothomb das Thema von Oscar Wildes Kunstmärchen „Lord Arthur Saviles Verbrechen“ auf. Nicht zu viel soll an dieser Stelle verraten werden, für alle, die Wildes Geschichte noch lesen wollen; nur so viel, der Grundtenor ist derselbe, auch bei Wilde steht die Prophezeiung eines künftigen Mordes und der verzweifelte Versuch des Mörders, dieses drohende Unheil von sich und seiner Familie fernzuhalten scheinbar zunächst im Mittelpunkt des Geschehens. Doch wenn es sich auch vordergründig bei beiden Geschichten um Kriminalgeschichten handelt, so handelt es sich doch in Wahrheit um die Porträts zweier Besessener. Zwei Männer, Lord Saviles, wie auch Graf Neville, die beide nicht aus ihrer Haut können, denen ihr gesellschaftlicher Stand, ihre Stellung und ihre damit einhergehenden Pflichten über alles gehen. Und so dürft es auch die offene Gesellschaftskritik gewesen sein, die Nothomb an diesem Thema reizte. Selbst in gehobenen Kreisen aufgewachsen, als Kind von Diplomaten, zieht sich das Thema Gesellschaftskritik wie ein roter Faden durch Nothombs  gesamtes Werk.

Es ist nicht das erst mal, dass sich Amélie Nothomb an Motiven altbekannter Geschichten orientiert, man denke nur an ihren absolut kongenialen Roman „Blaubart“. Immer wieder greift sie Grundthemen alter Klassiker auf, spielt mit ihnen, lässt sie in neuem, modernem Gewand erscheinen. Eine literarische Variation, wenn man so will, virtuos vorgetragen von einer Meisterin ihres Fachs. Denn wenn Amélie Nothomb eines kann, dann schreiben. Gebannt folgt man ihr von der ersten bis zur letzten Seite dieser bitterbösen Gesellschaftssatire, ungläubig ob ihres nahezu unerschöpflichen Ideenreichtums. Lässt sich entführen von ihren Figuren, die mehr durch ihr Handeln, denn durch ausführliche Beschreibungen charakterisiert werden. Genießt in vollen Zügen die feinen, ausgefeilten, absolut pointierten Dialoge und lässt sich von ihrem visuellen Stil, ihrer absoluten Wortmagie begeistern.

Ob das Handeln ihrer Figuren moralisch richtig oder falsch ist, nun dies ist eine Frage, deren Beantwortung Nothomb ihren geneigten Lesern überlässt.

Wieder einmal gelingt es Nothomb mit „Töte mich“ mir einen alten Klassiker wieder näher zu bringen, seine Botschaft in die Worte unserer Neuzeit umzusetzen, eigene Erfahrungen, Erlebnisse miteinfließen zulassen und spart dabei nicht mit ihrer gewohnten Spitzfindigkeit und Hinterlist, für die ich ihre Bücher so liebe. Ein wundervolles schmales Büchlein, das mir wieder einmal mehr gezeigt hat, dass Amélie Nothomb zu den ganz großen ihres Faches gehört. Genial übersetzt, mit dem richtigen Gefühl für die Stimme, das Timbre der Autorin von Brigitte Große.

Laut Proust liegt die Kunst des Schreibens darin, sich seinen Erinnerungen hinzugeben. Dies tut Nothomb in ihrem Werk und das schon seit Jahren und sehr gelungen.

Und um noch einmal Proust zu Wort kommen zu lassen:

„Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit anderen Augen zu sehen.“

Kleine Randbemerkung der Autorin (in diesem Falle meine ich mich):

Spätestens seit der Lektüre von „Die Kunst, Champagner zu trinken“(ein Buch, welches ich auch nur wärmstens empfehlen kann), weiß der geneigte Leser, dass Nothomb eine kleine Marotte hat, nicht nur für Champagner (und ehrlich gesagt diese Vorliebe ist auch eher eine große), sondern auch dafür, dass sie in jedem ihrer Bücher mindestens einmal das Wort „Autorreifen“ bzw. „Reifen“ unterbringt. Suchen sie, so werden sie in jedem Falle finden. 😉


Format: Hardcover Leinen
Seiten: 112
Erschienen am:  23. August 2017

ISBN: 978-3-257-06989-1
Preis: € (D) 20.00 / sFr 27.00* / € (A) 20.60
                              * unverb. Preisempfehlung     

Kommentar verfassen